Aufwachen! – Bereitschaft der entwicklungs- und konstruktionsintensiven Branchen für die digitale Revolution

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Wie gut sind die entwicklungs- und konstruktionsintensiven Branchen für die Herausforderungen des digitalen Zeitalters gerüstet? Unserer Ansicht nach besteht da einiger Aufholbedarf. Geschäftsmodelle in Anlagenbau, Schiffbau und ähnlichen Industrien müssen für das digitale Zeitalter neu erfunden, nicht nur digital ergänzt werden. Der schwierigste Teil dabei wird sein, für das erforderliche organisatorische Umdenken zu sorgen.

Eine der heute am stärksten diskutierten geschäftlichen Herausforderungen ist die kontinuierliche Transformation zur digitalen Ära, oder, wie sie in Deutschland gerne genannt wird: „Industrie 4.0“. Der Begriff lässt erkennen, dass die industrielle Revolution 4.0 auf früheren Revolutionen aufbaut – angefangen mit Wasser, Dampf und Mechanisierung (1. Revolution), gefolgt von Elektrizität und Massenproduktion (2. Revolution) bis hin zur Erfindung und verbreiteten Nutzung des Mikroprozessors (3. Revolution). Die heutige 4. industrielle Revolution ist unter anderem durch die Nutzung von Big-Data, cyberphysikalischen Systemen und frühen Formen der künstlichen Intelligenz gekennzeichnet.

Doch so viele gut durchdachte Konzepte für Geschäftstransformationen hin zu dieser digitalen Ära auch vorgestellt und diskutiert werden, sind die meisten doch auf Massenproduktion oder Dienstleistungsgeschäfte gerichtet. Diese Geschäftsformen zeichnen sich durch hohe Konversionsraten und große Mengen homogener Produkte oder Dienstleistungen aus, in der Regel kombiniert mit einem (relativ) weit hinten in der Wertschöpfungskette liegenden Individualisierungspunkt. Diese Geschäfte waren oftmals bereits für geraume Zeit das Ziel von erfolgreichen Lean- und Standardisierungsinitiativen, wobei Digitalisierung in der einen oder anderen Form ohnehin bereits seit längerer Zeit eingesetzt wird. Mittlerweile sind die Geschäftsrevolutionen bis 3.0 fest in Standardprozeduren und gelebten Routinen verankert.

Bei den entwicklungs- und konstruktionsintensiven Branchen – Anlagenbau, Schiffbau und ähnliche Industrien – stellt sich die Situation ganz anders dar. Diese Industrien produzieren niedrige Mengen von hoch individualisierten, komplexen Produkten in hoher Wertschöpfungstiefe unter Einsatz entwicklungs- und konstruktionsintensiver Prozesse, an denen zahlreiche Disziplinen und Subunternehmer beteiligt sind. In vielen Fällen müssen die Prozesse und Prozeduren für jedes neue Projekt spezifisch angepasst werden. Was wird die 4. industrielle Revolution also für diese Unternehmen bedeuten? Wie gut sind sie für die daraus entstehenden Herausforderungen gerüstet?

Zusammengefasst lautet unsere Antwort: Es gibt da noch einigen Aufholbedarf.

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Nach unserer Erfahrung sind viele Konstruktionsunternehmen nur teilweise für das digitale Zeitalter gerüstet und manche haben noch mit den Effekten der 3. industriellen Revolution zu kämpfen. Insbesondere da

  • sie hochkomplexe Produkte konstruieren, die weit von durchgehender Standardisierung und Modularisierung entfernt sind;
  • digitale Tools häufig nicht in einen digitalen Arbeitsablauf integriert sind, sondern als isolierte Anwendungen eingesetzt werden;
  • die Hauptprozesse nicht voll digitalisiert sind und ohne echte End-to-End-Verantwortlichkeit ausgeführt werden;
  • man sich auf hohe Variabilitäts- und Komplexitätsgrade prozessual einstellt, diese aber nicht aktiv managt;
  • die Konstruktions-„Produktion“ als Ganzes ein hauptsächlich dokumentengestützter (statt datengestützter) Prozess ist; und
  • die gegenwärtigen Geschäftsmodelle starke Disruptionsanfälligkeiten in alle Richtungen aufweisen.

Doch diese Erkenntnisse stammen nicht einfach nur von einem miesepetrigen Consultant, der alles schlechtreden will: Im Rahmen einer vom VDMA und maexpartners durchgeführten Studie (siehe hier und hier) haben wir Anlagenbau-Unternehmen sowie Anlagenbetreiber gebeten, ihre Industrie-4.0-Bereitschaft selbst zu bewerten. Eines der Hauptergebnisse ist, dass etwa 90 % der Anlagenbau-Unternehmen und 72 % der Anlagenbetreiber sich für nicht oder nur teilweise für die Herausforderungen des digitalen Zeitalters gerüstet halten. Nach neuen digitalen Geschäftsmodellen befragt, sehen die meisten ein Potenzial für nicht mehr als 10 % zusätzlichem digitalen Geschäft. Chancen für die Implementierung neuer Geschäftsmodelle werden hauptsächlich für Dienstleister gesehen, weniger für den eigentlichen Anlagenbau und -betrieb.

Diese Sicht ist potenziell gefährlich. Die letzten Jahre haben klar gezeigt, wie neue Akteure, die Disruptionspotenziale ausbeuten, traditionelle Geschäftsmodelle zu Fall gebracht haben. Natürlich sind Uber & Co. vielzitierte Beispiele dafür, und sie sind sicherlich keine entwicklungs- und konstruktionsintensiven Geschäftsmodelle. Dennoch sind wir überzeugt, dass Disruptionspotenziale auch in entwicklungs- und konstruktionsintensiven Branchen schlummern und sie früher oder später auch genutzt werden. Dieser Umsturz der bestehenden Ordnung mag zwar nicht so schnell und umfassend wie in anderen Branchen passieren, aber machen Sie bitte nicht den Fehler zu denken, dass entwicklungs- und konstruktionsintensive Branchen etwas völlig anderes sind.

Was muss also passieren?

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Zuallererst muss in jedem Fall ein grundsätzliches Umdenken auf C-Ebene stattfinden, das zu einer Bereitschaft führt, sein Geschäftsmodell neu zu erfinden, statt einfach nur die bisherigen Geschäftsabläufe digital zu ergänzen. Davon ausgehend stehen Unternehmen vor einer zweistufigen Herausforderung: Einerseits muss Grundlagenarbeit geleistet werden, um die Industrie-4.0-Bereitschaft zu schaffen, andererseits muss die eigentliche digitale Transformation geplant und in Angriff genommen werden. Letzteres erfordert einen ganzheitlichen Ansatz: Basierend auf einer verbindlichen Vision und einem aufrichtigen Engagement der C-Ebene besteht dies aus

  • technischer und infrastruktureller Umwandlung,
  • Einführung von organisatorischen Strukturen und Prozessen, sowie
  • einer Anpassung der organisatorischen Denkweise.

Während die technische Seite (relativ) einfach umzusetzen sein sollte, wird die schwierigste Herausforderung sicherlich in der Änderung der organisatorischen Denkweise sowie in der Akzeptanz und „gelebten“ Anwendung der digitalen Prozesse liegen. Letztlich wird ein wirklich digitales Geschäftsmodell für entwicklungs- und konstruktionsintensive Branchen eine wesentlich stärkere Betonung auf netzwerkende Zusammenarbeit sowie das Erproben und Testen legen, statt in abgeschlossenen, aufeinanderfolgenden Phasen zu arbeiten. Dabei wird der allgemeine Ansatz von transparenter Datengenerierung und -analyse, nicht Dokumentenerstellung, getragen werden.

Diese Erkenntnisse bedürfen natürlich einer Konkretisierung und detaillierten Ausarbeitung. Und dies werden wir auch tun, nachdem wir uns zuerst damit befassen, wie die Industrie-4.0-Bereitschaft bewertet und disruptive Herausforderungen für entwicklungs- und konstruktionsintensive Branchen erkannt werden können – mehr dazu demnächst hier.

Die zugehörige Präsentation finden Sie hier.

 

Ihre Ansprechpartner für Industrie 4.0:

Clemens Eckert – clemens.eckert@maex-partners.com

Thorsten Helmich – thorsten.helmich@maex-partners.com

Marc Artmeyer – marc.artmeyer@maex-partners.com

 

Fotos: agsandrew; Who is Danny; Denis Belitsky // shutterstock

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